Interview mit Moritz Kranich
Mit über 2,1 Millionen Dollar an Preisgeldern ist der Hamburger Moritz Kranich derzeit der zweiterfolgreichste deutsche Turnierpokerspieler nach Sebastian Ruthenberg. Am 16. Juli dieses Jahres konnte er – nach seinem Sieg bei der European Poker Tour im französischen Deauville 2009 – zudem den World Poker Tour Bellagio Cup VI in Las Vegas für sich entscheiden. Damit ist er der erste Deutsche überhaupt, dem das Double aus EPT- und WPT-Titel gelang. Mit pokercraft.de sprach er über seine Anfänge, Multi-Tabling, die verschiedenen Spielertypen und noch vieles mehr …
Vielleicht magst du zunächst mal erzählen, wie du überhaupt zum Pokern gekommen bist?
Angefangen hat alles 2005, als ich das erste Mal auf DSF Folgen von der „World Series Of Poker“ gesehen habe. Mein erster Gedanke war sofort: Das will ich auch lernen. Damals hab ich dann mit Spielgeld angefangen, mir auch schon mal ein Buch bestellt, bis ich 2006 schließlich das erste Geld bei einer Onlinepokerseite eingezahlt habe. Der Anfang lief noch sehr wechselhaft – ein bisschen gewonnen, ein bisschen verloren -, bis es Mitte 2006 so langsam losging. Wirklich richtig durchgestartet bin ich dann Anfang 2008.
Wie hat dein Umfeld reagiert, als du dich entschieden hast, mit Poker hauptberuflich dein Geld zu verdienen?
Das war schon ein sehr waghalsiger Schritt, es heißt in Büchern oder auf Trainingsseiten über professionelles Pokern ja immer, dass man sich auf jeden Fall ein zweites Standbein zulegen sollte. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass, wenn ich das in dem Moment nicht ausprobieren sollte, ich es für immer bereuen würde in meinem Leben. Meine Frau, damals noch Freundin, hat an mich geglaubt und mich super unterstützt. Meine Eltern fanden die ganze Situation natürlich nicht so lustig, aber nach meinen Erfolgen akzeptieren sie meine Entscheidung inzwischen komplett.
Erzähl mal, wie war das mit deinen Eltern?
Die ersten zwei, drei Monate herrschte schon sehr schlechte Stimmung bei uns in der Familie, aber irgendwann haben sie gemerkt, dass es mir Spaß bringt, dass es mich erfüllt und dass ich eben auch tatsächlich ganz gut damit verdiene. Und spätestens seit ich 2009 die EPT in Deauville gewonnen habe, stehen sie auch absolut hinter mir.
Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag bei dir aus?
Wenn ich Online spiele, fang ich meistens so um 19 oder 20 Uhr an. Ich starte immer mehrere Turniere gleichzeitig und spiele in der Regel acht bis neun Stunden am Stück. Manchmal acht Turniere gleichzeitig, in den meisten fliegt man dann schon früh raus, gegen Ende bleiben aber, wenn’s gut läuft, so zwei, drei übrig, die ich dann hoffentlich bis zum Finaltisch weiterspiele.
Wie schaffst du es, die Action an acht Tischen gleichzeitig zu verfolgen?
Ein bisschen was von der Aufmerksamkeit geht natürlich verloren, klar. Man kann nicht acht Tische mit derselben Intensität spielen wie einen, aber ich habe eigentlich eine ganz gute Auffassungsgabe für das, was an den verschiedenen Tischen so läuft. Ich spiele an einem großen 30-zoll Monitor, hab also alle Tische gleichzeitig im Blick, man kann sich im nach hinein besondere Hände angucken, wie sie gespielt wurden und sich Notizen über seinen Gegner machen. Und wenn’s wirklich drauf ankommt, wenn ein Turnier in die Endphase geht, dann sitze ich auch meistens nicht mehr an so vielen Tischen und kann mich viel besser auf meine Gegner einstellen.
Was ist die maximale Anzahl an Tischen, die du bisher gespielt hast?
Bei Sit ‘n’ Gos, die wesentlich einfacher zu spielen sind als große Turniere, hab ich in der Vergangenheit mal bis zu 20, 22 Tische gleichzeitig gespielt, aber das ist dann ein wahnsinniges Geklicke und nach eineinhalb Stunden raucht einem auch der Kopf.
Benutzt du beim Spielen technische Hilfsmittel, die automatisch Daten über deine Gegner sammeln – Software wie Hold’Em Manager oder Pokertracker?
Nein, gar nicht. Das einzige, was ich nutze, sind die Datenbanken von Officialpokerrankings.com. Dort kann man nachschauen, für wie viel Geld sich der Gegner in der Regel einkauft, wie viel Gewinne er erzielt … Somit kann man sein Gegenüber schon mal ein bisschen kategorisieren, und meine restlichen Informationen sammle ich dann über Aufmerksamkeit im Spiel. Ich hab dass Gefühl, dass Programme wie Hold’Em Manager bei Turnieren hinderlich sein können, da Leute am Anfang eines Turniers ganz anders spielen als am Ende, und wenn man dann nur Statistiken vom Anfang des Turniers hat, kann sich da für einen gegen Ende ein völlig falsches Bild ergeben.
Dein Screenname bei Pokerstars lautet Catenaccio (Ein Spielsystem im Fußball, das streng ergebnisorientiert ausgerichtet ist, Anm. der Red.). Was sagt das über dich als Pokerspieler aus?
Vor allem bin ich großer Fußballfan, auch was Strategie und Taktik angeht. Den Namen hab ich mir damals gegeben, als die Italiener noch ziemlich guten Fußball gespielt haben, 2006 auch Weltmeister wurden. Über mein Spiel am Pokertisch sagt das aber überhaupt nichts aus.
Viele professionelle Pokerspieler besitzen so genannte Sponsorenverträge mit großen Onlinepokeranbietern. Du nicht. Warum?
Da müsste man mal die Anbieter fragen. Bislang kam einfach noch keiner auf mich zu, was aber auch daran liegen könnte, dass ich nach meinen Sieg 2009 in Deauville so ziemlich jedes mediales Interesse abgelehnt habe. Vermutlich würde es mir das Leben als Pokerspieler hier und dort schon leichter machen, auf der anderen Seite kommen dadurch auch Pflichttermine auf einen zu: Werbeveranstaltungen, Workshops. Das würde meine Freiheit, die ich genieße und mir auch sehr wichtig ist, doch deutlich einschränken. Ich bin einfach nicht der Typ, der sich vor Kameras sonderlich wohl fühlt. Grundsätzlich wäre ich bei einem entsprechenden Sponsorenangebot aber erstmal nicht abgeneigt.
Du giltst als Turnierspezialist. Was macht den größeren Reiz gegenüber Cashgames für dich aus?
Mit Cashgame bin ich nie warm geworden. In der ganzen Zeit, in der ich Poker spiele, haben mich Turniere immer mehr fasziniert. Die stetigen Veränderungen: die Blinds steigen, mein Stack verändert sich, kann größer oder kleiner werden – man muss sich permanent auf neue Situation einstellen. Auch die Stacks der Gegner oder wie sie spielen, kann sich jederzeit ändern, und dieses Gefühl, wenn nur noch an zwei, drei Tischen oder am Finaltisch gespielt wird, das ist das größte an Adrenalin und Spaß, was mir beim Poker bisher widerfahren ist.
Auf der anderen Seite kannst du sowohl live, als auch online einige Erfolge aufweisen. Wo siehst du hier die größten Unterschiede und was ist dein Geheimnis, dich beiden Situationen gut anpassen zu können?
Das weiß ich gar nicht so genau. Ich hab bisher vierzig Liveturniere gespielt und zwei davon gewonnen. Das ist eine Quote, die ich auch einfach nicht werde halten können. Um ein Turnier zu gewinnen, gehört immer auch eine Menge Glück dazu. Onlinepoker ist wesentlich mathematischer, da man überhaupt nicht sieht, ob der Gegner sich sicher fühlt oder einem irgendwelche „Körpertells“ verrät. Das ist auch schon der Hauptunterschied. Und live wird generell weniger aggressiv gespielt. Für viele Onlinespieler, die gerne bluffen und aggressiv spielen, ist es am Live-Tisch, wenn einen permanent acht Augenpaare angucken, wesentlich schwieriger, einen Bluff durchzuziehen, als wenn man einfach nur ein paar Knöpfchen drücken muss. Aber gerade Bluffen ist live sehr profitabel.
Würdest du somit sagen, dass Livepoker eigentlich das einfachere Spiel ist?
Die Gegner sind schwächer, aber das ganze Drumherum, die Konzentration und das Gefühl, die ganze Zeit beobachtet zu werden, gleicht das wieder aus. Grundsätzlich würde ich aber schon sagen: Vergleicht man ein 100-Dollar-Onlineturnier mit einen Liveturnier über 100 Dollar, ist das Onlineturnier um ein vielfaches schwieriger. Allein, weil die Gegner technisch und mathematisch wesentlich besser sind.
Beim Poker gibt es verschiedene Kategorien von Spielern. Mal etwas flapsig gefragt – was bist du: tighter Rock, looser Maniac … ?
Ein Maniac bin ich absolut nicht. Ich versuche mich immer dem Tisch anzupassen und kann schon so zwei, drei verschiedene Stile spielen. Es kann sein, dass ich an der Bubble jede Hand erhöhe, wenn ich die Chips dafür habe und ‘ne Stunde später folde ich dreißig Minuten am Stück. Aber generell spiele ich schon eher tight, und für mich persönlich passt dieser Stil auch am Besten. Ich bin privat eher der ruhige Typ. Wenn ich am Tisch jetzt die ganze Zeit den großen Max mache, nimmt mir das keiner ab. Wenn man allerdings sehr lautstark und eh ein sehr emotionaler Mensch ist, dann kann man so auch sehr erfolgreich Poker spielen. Man muss immer wissen, wie der Tisch über einen denkt, und wenn man seinen Gegnern diesbezüglich einen Schritt voraus ist, ist das viel wert.
Bei deinem WPT-Sieg im Juli in Las Vegas saßt du zusammen mit Phil Ivey am Final Table, der gemeinhin als der beste Spieler der Welt gilt. Wie war das für dich? Spürt man da so was wie Respekt oder Ehrfurcht oder lässt dich das völlig kalt?
Nee, das nun nicht. Er ist tatsächlich der beste der Welt und ich saß in dem Turnier auch schon vorher zehn, zwanzig Stunden direkt neben ihm. In dieser Zeit hatte ich aber das Gefühl, dass er auch mein Spiel respektiert und wir haben uns weitestgehend in Ruhe gelassen.
Fällt es dir schwer, dich nach solchen Erfolgen neu zu motivieren, wenn man mit knapp $900.000 aus Las Vegas nach Hause kommt, oder gibt das nur noch mehr Anreiz, sich so schnell wie möglich wieder an den Pokertisch zu setzen?
Das ist sehr unterschiedlich. Nach dem Sieg bei der WPT hab ich knapp ‘ne Woche erstmal gar nichts gemacht. Ich kam am Montag aus Las Vegas zurück – am Freitagabend hatte ich aber schon wieder tierisch Lust, zu spielen, und den Sonntag hab ich dann auch gleich mit elf Stunden komplett durchgezogen.
Du giltst als sehr höflicher und besonnner Spieler am Tisch – keine Selbstverständlichkeit. Wie gehst du mit Rüpeln und Besserwissern um?
Poker ist ein sehr egoistisches Spiel, weil jeder versucht, dem anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das zieht natürlich auch Leute an, mit denen man nicht unbedingt abends gemeinsam ein Bier trinken möchte. Auf der anderen Seite gibt es aber auch enorm viele junge Leute, die es spielen, nett sind, und der Teil überwiegt meiner Erfahrung nach auch. Um mich aus der Ruhe zu bringen, muss schon einiges passieren.
Überhaupt bedarf es als Profispieler einer ungeheuren mentalen Stärke: Stichwort „Varianz“. Woher nimmst du die Kraft?
Also ich mach weder Joga, noch autogenes Training, noch sonst irgendwas. Ich weiß es nicht genau. Ich war schon immer sehr Wettbewerbsorientiert, egal ob nun Fußball, Tennis oder Gesellschafts- und Kartenspiele mit Freunden oder der Familie. Wenn ich am Tisch sitze, bin ich einfach voll drin, kann mich über Stunden konzentrieren, merke gleichzeitig aber auch, wenn ich ein bisschen nachlasse und spiele dann eben einfach weniger Hände für den Moment, während andere das vielleicht gar nicht merken und sich so in schwierige Situationen manövrieren.
Peter Eastgate, der Gewinner des Main Events bei der „World Series Of Poker 2008“, hat vor einigen Wochen mit gerade einmal 23 Jahren seinen Rücktritt vom Poker bekannt gegeben. Wie steht’s mit dir: Kannst du dir vorstellen, dein Leben lang zu pokern oder möchtest du auch noch mal etwas Anderes machen?
Mein Leben lang nicht, die nächsten fünf Jahre, denke ich, aber auf jeden Fall noch. Mir macht es weiterhin enorm viel Spaß, es entstehen immer wieder neue Situationen, die man vorher so noch nicht hatte – das macht es unglaublich abwechslungsreich. Außerdem gibt es noch ein paar Varianten, die ich gern besser lernen würde, speziell im „Omaha“-Bereich. Was in zehn, zwanzig Jahren sein wird, kann ich aber noch nicht sagen.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Interview geführt von Jan Kahl)
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